Schlagwort-Archiv: Neuer Sentimentalismus

Anna Staffel – Das Documenta Syndrom (Roman)

 

 

Roman

 

Textprobe 1

aus dem 2. Roman aus einer noch nicht veröffentlichten Romanreihe

Berlin 2009

3

Die Liebe taucht mich (in Wolken) in ein obszönes Leben. Wie wilde Tiere fallen wir übereinander her. Ich fühle mich plötzlich so dumm. Ich weiß nicht mehr wer ich bin und wohin ich gehen will. Alle Äußerungen stimmen schon nach fünf Minuten nicht mehr. Ich fühle mich geschrumpft und zugleich riesig, kurz vor meinem Zerbersten aufgeblasen und identitätslos schwebenden Trieben ausgeliefert. Ich bin nicht mehr die Person die ich einmal war, laufe wurzellos mit glühender Blume durch Zeit und Raum.

Jede Minute mit Veit ist zugleich eine endlose Freude, ein trauriger Abschied und eine gigantische Vorfreude auf das was noch kommen kann. Ich weiß nicht wie ich diese Liebe ertrage! Ich kann Veit auch nicht beschreiben! Er steckt permanent in meinem Körper, in meiner Brust, in meiner Stirn, selbst meine Zehen sehen jetzt nach seinen Zehen aus. Veits Zunge erweckt jeden Zentimeter meines Körpers, er kitzelt mich wieder lebendig.

Wenn ich darüber nachdenke fühle ich einfach nur ein großes Tier das in mir haust. Veit verjagt zu jeder Zeit die Staubkörner der Vergangenheit aus meinen Poren.

Veit steht plötzlich mit beiden Beinen in meinem Leben. Ich muss das Unmögliche begreifen. Ich lebe in einem Zeitfenster, steige in einen Zug, fahre an surrealistischen Landschaften vorbei und steige an der Station Unmöglichkeit wieder aus. Veit wartet schon am Bahnsteig. Er holt mich in unseren unmöglich realen Alltag ab.

(Ich weiß, das ist nur eine vorübergehende Blase. Nicht aufstechen! – sonst entzündet sie sich!)

Foto:
Anna Staffel – 1 mm weiter ist eine andere Welt
(Detail) 2012

Neuer Sentimentalismus

 

Der Neue Sentimentalismus ist in der Kunst eine Erhöhung des „Normalen“, dem Vernunftglauben entgegen wirkendes, von den Gefühlen geleitetes künstlerisches Werk, unabhängig von Stil und Medium.

Der „Neue Sentimentalismus“ wurde erstmals 1998 von Michael Hübl, Badische Neueste Nachrichten, erwähnt: „Eine mythische Liebesgeschichte als große tänzerische Verstrickung…“
„ …Anna Staffel zählt zu den Neuen Sentimentalisten…“ Michael Hübl schrieb am 19.03.1998 über die Ausstellung “Orpheus und Eurydike – eine Verstrickung” und gleichnamige Performance zum Thema „Orpheus“.  Dieses Datum ist die erstmalige Erwähnung des „Neuen Sentimentalismus“. Kurz zuvor gründete die Protagonistin des beschriebenen Artikels, Anna Staffel den „Neuen Sentimentalismus“ als Kunstrichtung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Der Sentimentalismus wurde zuvor wenigen Dichtern des beginnenden 18. Jahrhundert zugeschrieben.

200 Jahre später wird die Empathie als Geste des künstlerischen Schaffens erwähnt. Gefühle fügen nun in einer Zeit der Bruchstücke und pluralistischen Bildnis-Kultur, in der sehr viele Stile nebeneinander auftauchen, sehr unterschiedliches zusammen. Übergeordnet schwebt der Gefühle auslösende Moment. Ein profunder sentimentalischer Augenblick entscheidet, ob ein Kunstwerk dem Neuen Sentimentalismus zugeschrieben werden kann oder nicht.